Tierpsychologie








Womit beschäftigt sich die Tierpsychologie?
Wie wird man Tierpsychologe?
Was bedeutet „Unerwünschtes Verhalten“?
Beispiele für mögliche Problemfelder
Was kann ein Tierpsychologe und was nicht?







Womit beschäftigt sich die Tierpsychologie?


TIERE – welch ein Oberbegriff, welche eine Vielzahl von Arten! Jede Art hat ihre spezifischen Merkmale, jede Rasse innerhalb einer Art ebenso und jeder Tierbesitzer wird mir bestätigen, jedes einzelne Tier, selbst vom gleichen Wurf; unterscheidet sich vom anderen in seinem Wesen, seinem Verhalten, besitzt seinen eigenen Charakter, seine individuelle Persönlichkeit.

Leben Mensch und Tier miteinander, so wird vom Tierbesitzer oft ein bestimmtes Tierverhalten erwünscht. Im Laufe der Evolution haben sich die nahe mit dem Menschen zusammenlebenden Haustiere in vielem diesen Erwartungen angepaßt.

Trotzdem läuft nicht immer alles reibungslos und so manches mal wird die Harmonie zwischen Mensch und Tier auf eine harte (Nerven-)Probe gestellt. In den meisten Fällen liegt der Grund hierfür in Kommunikationsschwierigkeiten oder falschen Haltungsbedingungen.

Einiges, an weiterem spezifisch gewünschtem Verhalten können unsere Tiere durch Training erlernen, einiges ist ihnen aber auch beim besten (Tier-)Willen aus anatomischen und genetischen Vorgaben nicht möglich.

Mitunter bricht auch unerwünschtes, instinkthaftes Verhalten (wieder) durch und nicht selten liegen auch Verhaltensauffälligkeiten bis hin zu Verhaltensstörungen vor.

Hier beginnt das weite Feld der Tierpsychologie. Sie beschäftigt sich mit dem Verhalten der Tiere.

Hierbei kann die Tierpsychologie auf den Erfahrungsschatz der Ethologie (Verhaltensbiologie) zurückgreifen. Sie bildet das Fundament aller tierpsychologischer Arbeit.

So kann ein Tierpsychologe z.B. bei einem problematischen Tierverhalten mit Hilfe der ethologischen Erkenntnisse das vorgefundene (Fehl-)Verhalten einordnen und beurteilen. Über das in Beziehung setzen mit den arttypischen und rassespezifischen Merkmalen gelangt er schließlich zur Ausarbeitung eines der Tierart und dem individuellen Tier in seinem speziellen Umfeld gerecht werdenden Trainings-/Therapieplans. Mit dessen praktischer Umsetzung soll dann die gewünschte Verhaltensänderung erreicht werden.

Ein weitreichendes Aufgabengebiet, für das eine fundierte Ausbildung Voraussetzung ist.





Wie wird man Tierpsychologe?







Grundbedingung ist natürlich die Liebe zum Tier, doch damit ist es bei weitem nicht getan. Ein Tierpsychologe muß das Instinktverhalten eines Tieres ebenso kennen, wie die Lernmechanismen der Verhaltensformung.

Tierpsychologe ist in Deutschland keine staatlich anerkannte Berufsbezeichnung und somit gibt es auch keine einheitlichen staatlichen Richtlinien für die Ausbildung. Ich kann deshalb nur jedem Tierbesitzer empfehlen sich über die Ausbildung des Tierpsychologen seiner Wahl zu erkundigen.



Was bedeutet „Unerwünschtes Verhalten“ - „Verhaltensauffälligkeit“ - „Verhaltensstörung“?


Durch Schwierigkeiten in der „Kommunikation“, durch Mißverständnisse und Fehlinterpretationen unseres Verhaltens, unsere Erwartungen und Anforderungen an das Tier, durch prägende Erfahrungen in der ersten Lebensphase, durch erhöhten Streß, durch Wechsel im Umfeld, durch Langeweile und Unterforderung und viele andere Faktoren kann es also zu einem unerwünschten Verhalten beim Tier kommen. Hierbei unterscheidet man zwischen Verhaltensauffälligkeiten und Verhaltensstörungen

Bei der Verhaltensauffälligkeit verhält sich das Tier arttypisch. Aus diesem Grunde ist es sich auch keines Fehlers bewußt.
Beispiel: Harnspritzen in der Wohnung = Markieren


Bei einer Verhaltensstörung verhält sich das Tier nicht arttypisch und leidet auch selber darunter.
Beispiel: Stereotypes Nagen/Beißen an den Pfoten oder am Schwanz.

 


Beispiele für mögliche Problemfelder bei Hund, Katze, Pferd, Vögeln


Einige Beispiele für Verhaltensauffälligkeiten/Verhaltensstörungen möchte ich hier aufführen:





beim Hund:

  • Aggressivität gegenüber Menschen allgemein

  • Aggressivität gegenüber bestimmten Menschen/Menschengruppen (z.B. Kinder)

  • Aggressivität gegenüber Artgenossen

  • Ängste (z.B. Angst vorm Alleinsein, bei Dunkelheit, bei best. Geräuschen, bei Berührungen)

  • Unerwünschtes Urinieren und/oder Kot absetzen in der Wohnung

  • Zerstörungswut

  • Übersteigerte Erregbarkeit

  • Unruhe

  • Ungehorsam

  • Futterverweigerung

  • Fressen von Kot; Steinen; Müll

  • Vernachlässigen des Nachwuchses

  • Problematisches Verhalten beim Autofahren

  • Problematisches Verhalten bei Besuch

  • Übermäßiges Bellen bei Abwesenheit des Besitzers

  • Ständiges Bellen/Kläffen (Zuhause; im Auto; bei entgegenkommenden Personen, Tieren etc.)

  • Zerstören von Gegenständen bei Abwesenheit der Besitzer

  • Unkontrollierbares Verhalten bei Spaziergängen

  • Streunen

  • Nachjagen von Fahradfahrern, Joggern etc.

  • Bespringen von Menschen

  • Benagen/Kauen des eigenen Körpers, übertriebenes Lecken

  • Betteln

  • Stehlen

  • Ständiges Leine ziehen

  • Probleme mit dem neuen Partner des Tierbesitzers

  • Probleme mit Familienzuwachs

  • Probleme mit einem neu hinzukommenden Haustier

bei der Katze
  • Aggressionsverhalten gegenüber Menschen und/oder Artgenossen

  • Aggressivität in bestimmten Situationen

  • Unerwünschtes Urinieren und/oder Kot absetzen in der Wohnung

  • Ängste, Meideverhalten bei bestimmten Umweltreizen

  • Kratzen an unerwünschten Stellen (Wänden, Möbeln etc.)

  • Fressen von ungeeigneten Gegenständen (Wolle, Teppichfransen, Zimmerpflanzen etc.)

  • Benagen/Kauen des eigenen Körpers, übertriebenes Lecken, Fell ausreißen

  • Futterverweigerung

  • Depressives Verhalten

  • Belästigung anderer Haustiere (z.B. des Kanarienvogels)

  • Nächtliches Miauen

  • Schwierigkeiten beim Umgewöhnen eines Freigängers zur Hauskatze

  • Probleme im Sexualverhalten

  • Vernachlässigen des Nachwuchses

  • Probleme mit dem neuen Partner vom Tierbesitzer

  • Probleme mit Familienzuwachs

  • Probleme mit einem neu hinzukommenden Haustier






beim Pferd:

  • Ungehorsam im Umgang

  • Probleme beim Reiten

  • Durchgehen

  • Steigen

  • Buckeln

  • Koppen

  • Weben

  • Treten

  • Motivationslosigkeit

  • Konzentrationsschwächen

  • Verladeprobleme

  • Kopfschlagen, Kopfschütteln

  • Aggressivität

  • Scheuen

  • Treten gegen die Boxentür

  • Zähnewetzen

  • Holzkauen

  • Scharren

bei Vögeln
  • stundenlanges Kopfnicken

  • ständiges auf dem Kopf stehen an den Gitterstäben

  • stundenlanges Scharren auf dem Käfigboden

  • verkehrte Lautäußerungen

  • Auftreten von Aggressivität

  • Federrupfen

  • Lethargie

  • Depressives Verhalten

  • Kannibalismus






Was kann ein Tierpsychologe und was kann er nicht?


Neben Infos, Hilfestellungen und Tips beim Tierkauf und für eine artgerechte Haltung etc. besteht der größte Tätigkeitsbereich eines Tierpsychologen in der Beratung und Hilfe bei Verhaltensauffälligkeiten und Verhaltensstörungen. Hierbei teilt sich die Aufgabe in zwei Großbereiche auf

  • die Ursachenerforschung des Problemfeldes

  • die Erstellung und praktische Umsetzung eines detaillierten Trainings-/Therapieplanes.

Nach einer Erstanamnese stellt der Tierpsychologe also einen Trainings-/Therapieplan auf, mit dem gearbeitet werden muß. Hierbei ist der Tierpsychologe auf die aktive Mithilfe des Tierhalters angewiesen. Er kann und wird zwar die einzelnen Schritte des Trainings-/Therapieplans erklären, zeigen, einüben und die Umsetzung begleiten, er kann aber nicht alles für den Tierbesitzer übernehmen. Dieser muß selber mit seinem Tier trainieren und fast immer ist für den Erfolg nicht nur eine Verhaltensänderung beim Tier sondern auch beim Tierbesitzer notwendig.

In den meisten Fällen können Verhaltensauffälligkeiten durch eine Verhaltenstherapie korrigiert werden. Eine Garantie gibt es allerdings nicht, denn trotz aller Fachkenntnisse, Engagement und Einsatzwille aller Beteiligten kann es auch vorkommen, daß ein Verhalten nicht mehr veränderbar ist, z.B. durch traumatische Erlebnisse etc. Dann ist die Aufgabe des Tierpsychologen den bestmöglichen Weg aufzuzeigen, damit Mensch und Tier hiermit leben können.

Ein Tierpsychologe ist selbstverständlich nicht bei der Behandlung organischer Erkrankungen des Tieres Ihr Ansprechpartner. Wenn, um bei obigem Beispiel zu bleiben, ein Tier aufgrund einer Blasenschwäche in der Wohnung uriniert und nicht aus Gründen der Markierung, kann die Tierpsychologie nicht helfen. Deshalb sollte in solchen Fällen immer zuerst der Tierarzt konsultiert werden. Ihr Tierpsychologe würde Sie auch bei einem Erstgespräch danach fragen, denn eine tierärztliche Untersuchung und Diagnose gehört ja nicht zu seinem Aufgabenbereich.



 


 
Verwendung der Tierbilder mit Genehmigung von Adolf Kraheck, © 2010 Adolf Kraheck

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